Chance vertan

Es klingelt. Am Festnetzanschluss. Was nur sehr selten passiert. Entsprechend zögerlich nehme ich den Hörer ab. Und werde von einer charmanten Frauenstimme begrüßt. Die Dame des Hauses ist es nicht. Sie ist nämlich ebenfalls zu Hause und würde mich im Zweifelsfall auch eher auf dem Funkgerät anrufen. Also bin ich stutzig und gucke mich nach dem Sohn um. Vielleicht hat er sich ein neues Spiel ausgedacht und lauert jetzt hinter der nächsten Ecke um zu gucken, wie es läuft. Aber nein: er steht direkt neben mir und guckt momentan ebenfalls leicht verwundert auf den Telefonapparat. Während dessen stellt die Frau mit der charmanten Stimme sich vor. Was weder der Sohn noch ich verstehen, da wir zu intensiv mit verwunderten Blicken beschäftigt sind.

Charmante Frauenstimme: Ich bin von Infratest und würde Ihnen gern ein paar Fragen zum Thema Reisen stellen.

Zuhören lohnt sich! Entweder ist das tatsächlich ein Spiel fremder Kinder. Oder es stimmt, was die Dame gerade gesagt hat. Das wäre ja ein Traum. Ich könnte meine Stimme in ein Umfrageergebnis bekommen. Auch und gerade als moderner Mann von heute möchte ich Einfluss nehmen. Meine Meinung kund tun. Das wollte ich schon immer. Wie oft habe ich schon gedacht, dass diese Umfragen nur erfunden seien. Genauso wie der Mythos des Staubsaugervertreters. Wobei letzterer vor einiger Zeit tatsächlich bei uns an der Tür geklingelt hat. Ich ihn allerdings aus einem spontanen Reflex heraus für einen GEZ-Spion gehalten und somit aus Prinzip gleich wieder verjagt statt auf einen Kaffee eingeladen habe. Das passiert mir nicht noch einmal. Dieses Mal klingelt es nicht nur an der Tür sondern aus dem Telefon und ich werde meine Chance nutzen. Die Chance, der Welt mitzuteilen, was ich denke. Ich, als Teil des Volkes. Ich werde gleich meine Stimme erheben und Großes verkünden. Ich werde dieses Umfrageergebnis beeinflussen. Ich werde die Leute nicht nur stutzig machen mit meinen Antworten, nein, ich werde sie nachdenklich stimmen. Ihre eigene Meinung zum Thema herausfordern. Ich werde meinen Teil dazu beisteuern, dass sich die Welt verändert und ein besserer Platz wird.

Charmante Frauenstimme: Passt es denn gerade bei Ihnen?

Ja klar! – antworte ich.

Dabei bleibt es aber auch. Denn der Sohn marschiert mit zwei souveränen Schritten zum Telefon, langt kurz zu und trennt zielsicher die Verbindung.

Chance vertan, denke ich.

Zeit zum Abendessen, meint er.

Seine Welt ist noch auf solidem Fundament gebaut. Und von Luftschlössern ist noch niemand satt geworden.

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