Erziehungsfragen

Ein Sommertag. Wir sitzen draußen. Lehnen uns zurück, essen Beeren, trinken Eiskaffee, gucken ganz entspannt und wechseln ab und an ein Wort. Was man halt so macht. Als Familie am Sonntagnachmittag.

Muss Pipi! – sagt der Sohn plötzlich in einem Moment der Stille. Ganz unaufgeregt. Er bleibt auch sitzen, lässt seine Füße weiter baumeln und schlürft noch einmal entspannt an seinem Kaltgetränk. Erst dann lässt er sich elegant vom Stuhl gleiten und schlurft ins Bad.

Die Dame und ich: wir gucken uns kurz an und nicken leicht. Er macht das schon. – denkt jeder für sich. Da braucht man keine großen Worte drüber zu verlieren. Braucht er Hilfe, wird er sich schon melden. Wir lehnen uns noch etwas weiter zurück und machen es der Tochter nach, welche so tut, als ob sie von allem wenig mitbekommen hat und sich statt dessen mit voller Aufmerksamkeit jeder einzelnen Johannisbeere vor ihr mit sicherem Pinzettengriff widmet. Beeren essen. Eiskaffee schlürfen. Man soll’s mit dem Stress auch nicht übertreiben.

Und prompt steht der Sohn wieder in der Tür. Bleibt ruhig stehen. Guckt nach draußen. Lässt den Blick schweifen. Sieht keine Kumpel auf dem Spielplatz und setzt sich wieder in Gang. Ab auf den Stuhl. Beeren. Kaltgetränk.

Du bist ja halb nackig. – sage ich zu ihm.

Stimmt. – sagt er. Die Unterhose habe ich ausgezogen.

Dann hol‘ Dir bitte eine neue aus Deinem Schrank und ziehe sie an. – sage ich. Und er bleibt prompt stehen. Allerdings nicht wegen mir. Sondern um den Schmetterling zu beobachten, den er auf einmal entdeckt hat.

Sohn, sage ich. Sohn, hol Dir bitte eine Unterhose und ziehe sie an.

Er steht nur da und folgt mit seiner Nase in knappem Abstand dem Schmetterling. Will zu meinem Kohlrabi!

Unterhose. – sage ich.

Großer Kohlrabi. – sagt er.

Unterhose! – wiederhole ich. Mit Nachdruck dieses Mal.

Schmetterling! – sagt er und steckt mit der Nase fast in den Margeriten, zu welchen sich das Vieh offenbar weiter bewegt hat.

Unterhose! – sage ich.

Schmetterling! Nein, lass das. Nein, Schmetterling, da darfst Du nicht mit spielen! – sagt der Sohn und verscheucht das böse Monster aus seinem heiligen Basilikum. An den darf nun wirklich niemand außer ihm heran. Da kann das Tier noch so niedlich sein, irgendwann ist Schluss mit lustig. Es gibt halt Grenzen. Wild um sich fuchtelnd vertreibt er den Störenfried und lässt erst locker als dieser auf und davon zu neuen botanischen Ballungsgebieten fliegt.

Zwei Minuten steht der Sohn noch da und guckt dem Falter hinterher. Als er sich sicher ist, dass dieser nicht zurück kommt, guckt er mich kurz an, dreht sich weiter um und stapft los in Richtung seines Zimmers.

Komm, Papa. Unterhose anziehen! – sagt er dabei beiläufig aber bestimmt. Leicht schüttelt er dabei den Kopf, offenbar darüber zweifelnd, wie ich so entspannt sitzen bleiben kann, anstatt ihn endlich mal aus seinem Bekleidungsdilemma zu erlösen.

Er hat noch viel zu tun. So in Erziehungsfragen.


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