Stadtneurotiker

Ganz in der Nähe unserer Heimatbasis gibt es ein Bäckereifachgeschäft. Das ist gut und praktisch so. Denn als moderner Mann von heute schafft man dadurch den Weg selbst am frühen Morgen. Und man macht es sich dabei natürlich auch nicht unbedingt schwerer als nötig. Man sucht sich seinen Weg, man geht diesen Weg, man entwickelt Routine. Raus aus dem Haus, über die Straße, Gehweg, Bäcker. Raus aus dem Bäcker, über die Straße, Gehweg, wieder rein ins Haus. Das ist ganz normal so und ergibt sich vollkommen natürlich. Hin- und Rückweg sind nicht identisch sondern bilden einen Kreis, einen geschlossenen. Man überquert jeweils bei der erstbesten Gelegenheit die Straße, dann hat man das hinter sich. So muss das sein, das ist streng logisch, anders geht es eigentlich gar nicht.

Und neulich morgen, da stand ich mit dem Sohn am Fenster. Eine Hand steckt jeweils in der Hosentasche, die andere hält ein Plüschtier (Sohn) oder eine Tasse Kaffee (ich). Wir beobachten eine beschauliche Sonntagmorgenszenerie. Leute mit Hund. Morgensjogger. Kirchgänger, die sich in der Uhrzeit vertan haben. Lauter ganz normale Leute, die vorüber ziehen. Und ein Nachbar betritt die Bühne. Der will bestimmt zum Bäcker. – denke ich mir und nehme einen Schluck vom Heißgetränk. Während er allerdings gar nicht über die Straße geht sondern einfach nur den Gehweg entlang. Und dann erst über die Straße. Tatsächlich zum Bäcker. Aha, man kann die Runde auch anders herum absolvieren. – denke ich als nächstes und nehme sicherheitshalber noch einen Schluck Kaffee. Woraufhin der Nachbar wieder aus dem Backwarenladen kommt und: sofort direkt über die Straße geht. Und den Gehweg entlang. Und ins Haus herein. Der Mann läuft tatsächlich den gleichen Weg zurück, den er vorher hin gelaufen ist.

Der Sohn und ich: wir gucken uns kurz an, schütteln jeweils den Kopf und drehen ihn wieder zum Fenster.

Nur Neurotiker da draußen!


Flattr this

Advertisements

Comments are closed.