Streetworker

Es gibt so Tage, an denen sitzt man auch als moderner Mann von heute am Abend da und lässt die Zeit Revue passieren. Und stellt fest, dass manchmal aus ganz unerwarter Richtung Abwechslung in den Alltag kommt. Zum Beispiel, wenn überraschend jemand anderes auf einen zukommt und um Unterstützung bei dem Abgewöhnen einer alten Gewohnheit bittet.

Abwechslung vom Alltag ist immer gut, denkt man sich vielleicht und stimmt ohne groß zu überlegen zu. Man hilft schließlich gern und wo man nur kann. Wer würde sich da schon mit großen Fragen nach wahrscheinlich unrelevanten Details zur besagten Gewohnheit aufhalten? Eben.

Also setzt man sich mit seinem Patienten zusammen und stellt recht schnell fest: Es ist ein Junkie auf Entzug. Aber zugesagt ist zugesagt, versprochen ist versprochen und Aufgeben natürlich keine Option. Also begibt man sich für eine Weile auf die gemeinsame Reise zwischen Hochs und Tiefs. Zwischen totaler Euphorie und aggressiver Manie. Man stellt schnell fest, dass eine abwechslungsreiche Tagesgestaltung vieles vereinfacht, aber das Leben in der Nacht für den Patienten unsäglich schwerer wird. Man zieht bei ihm ein, denn geteiltes Leid ist halbes Leid. Das wissen wir doch alle. Man lässt sich mitten in der Nacht erst anbrüllen und dann anflehen: Nur noch dieses eine Mal! – heißt es dann. Ich komme sonst nicht durch die Nacht! Und man bleibt standhaft, natürlich. Redet. Hält Händchen. Beruhigt. Lenkt ab. Hilft zurück in den Schlaf. Und wartet auf den nächsten Schub.

Und dann auf einmal ist’s vorbei. Der Patient ist ruhig, ausgeglichen, schläft entspannt durch die Nacht. Er hat’s geschafft und ist wohl clean.

Heute ist so ein Tag. Es ist Abend. Man sitzt halt da. Zeit. Revue. Passieren lassen. Und kurz bevor man ins eigene Bett geht, um auch selbst mal wieder ungestört und in Ruhe durch zu schlafen, da überlegt man, ob auf einmal ein Streetworker aus einem geworden ist oder ob schlicht der eigene Sohn vor ein paar Tagen beschlossen hat, seine gesamte Nuckelware an die Schnullerfee zu übergeben.


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