Berufswunsch (12)

Der Sohn hat ein Geschenk bekommen. Und es hat mal wieder vier Räder. Damit kennt er sich aus. Auto! – sagt er anerkennend und steigt ein zur Probefahrt. Zum Glück ist es nicht nur groß sondern auch stabil genug, um die ersten Runden problemlos zu überstehen. Beim Ein- und Ausparken lässt sich der Nachwuchs dabei gern von mir einweisen. Ansonsten bewegt er sich aber souverän und eigenständig. Beide Hände am Lenkrad, die Füße tippeln Dank clever eingebautem Fußbodenschacht als Hilfsmotor, der Blick ist ernst und doch gelassen, beim Rückwärtsfahren lehnt ein Arm recht lässig auf der Karosse. Und sollte der Sohn zufällig mitbekommen, dass ihn seine kleine Schwester beobachtet und anhimmelt, wird seine Mine noch etwas kühler und er fragt mich eher beiläufig und unauffällig, wo eigentlich seine Sonnenbrille verblieben sei.

Alles in allem ist der Sohn also glücklich und ausgeglichen. Bis er plötzlich stehen bleibt, sein Blick sehr ernst wird, er alle ermahnt, kurz ruhig zu sein, dann seinen Kopf zur Seite und nach vorn neigt, um mit Kennermine in die Seele seines Gefährts hinein zu lauschen.

Nicht gut – sagt er. Motorschaden!

Vorsichtig rollt er den Wagen in sein Zimmer, die Werkstatt. Er steigt aus. Sagt kein Wort mehr und holt sich eine Decke. Breitet sie aus und legt sich rücklings darauf, um einen Blick unter den Wagen zu werfen. Er brummt von dort unten unverständliche Worte hervor, greift sich immer mal neues Werkzeug und ist für eine Weile nicht mehr ansprechbar. Er steht auf, setzt sich in den Wagen, versucht wohl den Motor zu starten, schüttelt den Kopf und legt sich wieder nach unten. Das Procedere wiederholt sich. Es wirkt auf mich sehr ingenieurwissenschaftlich: analytisch und systematisch kämpft er sich vor und zwingt den Motorschaden in die Knie. Offenbar erfolgreich. Denn auf einmal sitzt er wieder in seinem Auto und fragt:

Hörst Du das?

Ich: Ähh, was jetzt genau?

Sohn: Na, der Motor läuft wieder!

Ich: Das hast Du prächtig gemacht. Ich bin beeindruckt. Du bist ein Profi, oder?

Sohn: Nein, nein. – und schüttelt den Kopf ob meiner offensichtlichen Ahnungslosigkeit. Das Licht ist doch noch kaputt!

Ahh, ja. – sage ich nur und denke mir, dass er diese Trivialität mit seiner wissenschaftlichen Präzision bestimmt in den Griff bekommen wird. Analyse, Systematik und so.

Woraufhin sich der Sohn ein paar Legosteine schnappt, diese vorsichtig auf der Motorraumhaube ablegt, ihre Anordnung noch einmal korrigiert, kurz zufrieden guckt und sich dann andächtig davor stellt, um eine Schweigeminute einzulegen. Gerade denke ich darüber nach, Luft zu holen, um ihn zu fragen, was diese Zeremonie bewirken soll, da schnappt er sich die Steine, steckt sie ineinander, legt sie zurück in ihre Kiste, steigt in sein Auto und fährt zufriedenen Blickes wieder davon. Er fragt noch nicht mal nach seiner Sonnenbrille.

Selbst ist also der Mann und der Sohn wird natürlich ein Automechaniker. Wenn das mal kein guter Vorsatz für das neue Jahr ist.


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2 Antworten zu “Berufswunsch (12)

  1. mayarosa Sonntag, 2. Januar 2011 um 998

    Hallo,
    bin gerade von Michael hierher geklickt. Mein Gedanke bei deinem Post: Woher er das nur hat, der Sohn :-))))
    LG