Berufswunsch (10)

Der Sohn ist ein Beobachter, ein ganz genauer. Wenn zum Beispiel jemand die Rosinen aus seinem Müslivorrat heraus pickt und heimlich vernascht, fällt ihm das auf. Wenn seine Saugnapfzahnbürste irgendwann einmal nicht so an der Dusche baumelt, wie er sie dort angeflanscht hat, dann fällt ihm das auf. Wenn die Dame des Hauses zwei verschiedene Paar Socken anzieht, dann fällt ihm das auf. Wenn bei Ausflügen die Sitzordnung im Gefährt durcheinander gerät, fällt ihm das auf. Wenn ich am Morgen meine Schürsenkel anders binde als seine, fällt ihm das auf.

Er guckt ganz genau hin. Und es sind keineswegs nur qualitative Erkenntnisse, die er gewinnt. Nein, auch quantitativ ist er voll auf Draht. Wenn auf der Baustelle um die Ecke die Betonmischer anrücken, zählt er gründlich nach und stellt korrekt fest: «eins – zwei – viele!» Wenn wir die Treppe herauf laufen, zählt er die Stufen fleißig und laut mit: «6 – 7 – 8 – viele.»

Das reicht. Danach wird’s eh unscharf. Meint der Sohn. Sollte man anderer Meinung sein und versuchen, korrigierend einzugreifen, lässt er sich das nicht bieten. Denke ich zum Beispiel seine Zahlenreihe logisch weiter und frage: «’s sind also neun Stufen?», dann bleibt der Sohn kurz stehen, guckt mich ungläubig an, schüttelt mit dem Kopf, geht die Treppe noch einmal hinunter, um anschließend wieder herauf zu kommen und dabei laut mit zu zählen: «6 – 7 – 8 – 10!» Ordnung muss sein. Da kann nicht einfach jeder wild herumpfuschen.

Und so setzt es sich fort. Spielsachen? Durchzählen! Anordnung und Aufteilung der selben auf dem Spielplatz, also in der gesamten Wohnung? Prüfen! Und Vorschläge zur Korrektur machen. Vorratskammer? Fortlaufend kontrollieren! Es könnte schließlich etwas zur Neige gehen. Nicht auszumahlen, wenn sowohl die Nuss-Nougat-Creme als auch das Pflaumenmus auf einmal weg wären. Und wer jetzt glaubt, dass der Sohn dabei nur mit Zahlen argumentiert, irrt natürlich gründlich. Schließlich interpretiert er sie, wertet sie und leitet entsprechend passende Handlungsanweisungen ab: «Papa, Tafel schreiben!»

Einkaufsliste auf Schiefertafel

Es ist gut, dass einer im Haus den Überblick wahrt und die Fäden in der Hand behält. Womit klar ist: Der Sohn wird später ein Controller.

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