Berufswunsch (9)

»Ihr Sohn ist aber sehr großzügig!« – das ist tatsächlich als Kompliment gemeint und kommt noch dazu von einer der Damen des Kita-Personals. Übersetzt heißt es, dass der Sohn den Umgang mit den zum Teil kleineren Kindern souverän beherrscht, ihnen nicht nur das Essen wegfuttert, sondern auch mal etwas abgibt; dass er den anderen das Spielzeug nicht einfach an den Kopf haut, um sie erst K.O. zu schlagen und anschließend das Werkzeug ganz allein für sich zu haben, sondern dass er mit den anderen zusammen spielt, die Autos gemeinsam im Kreis zu jagen, die Regale gemeinsam systematisch auszuräumen, die Raumgestaltung gemeinsam neu zu durchdenken und ganz generell gemeinsam dem Personal das Leben schwer zu machen. Es sind wahre Teamplayer und der Sohn ist mittendrin.

Wenn er dann am Wochenende seinen Kumpel zu Besuch hat, kann es im Eifer des Gefechts doch vorkommen, dass der große und schwere Bagger nicht nur elegant seine Runden durch die Baustelle dreht, sondern dass er mit etwas Beschleunigungshilfe durch den Sohn zielgerichtet auf den Kumpel losrast, diesen auch trifft und umwirft. Statt im Taumel des Erfolgs jetzt allerdings laut Lieder zu singen und die Niederlage des anderen zu feiern, geht der Sohn hin, entschuldigt sich, pustet die Wunden hinweg, hilft dem Kumpel wieder auf die Beine und bietet eine Rundfahrt bei freier Wahl des Gefährts aus seinem Fuhrpark an. Das grenzt fast schon an Altruismus in Reinform. Wir Erwachsenen stehen jedenfalls sprachlos daneben.

Brechen dieselben Erwachsenen aus ihrem zugewiesenen Rollenbild aus und greifen in das Spielgeschehen ein, so passt der Sohn genau auf, dass sie ihre Kompetenzen nicht überschreiten. Wer seinem Kumpel zum Beispiel ein Auto entführt, und sei es in den besten Absichten, der wird vom Sohn in seine Schranken verwiesen und bekommt eine Standpauke darüber, was sich alles gehört und was ganz sicher gar nicht. Die Reviere der Generationen sind klar abgesteckt. In dem der Kleinen regiert der Sohn und er passt auf, dass niemandem von den seinen auch nur das kleinste Haar gekrümmt wird.

Es ist ganz klar: So gern, wie er teilt, so rührend, wie er sich um andere sorgt und so tapfer, wie er beschützen kann, wird der Sohn einmal großer Bruder.

So ab Sommer.

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