Berufswunsch (7)

Die Berufswahl geht durch den Magen. Das ist soweit nichts Neues. Neu scheint mir jedoch die Tragweite der Wahl dessen, was es eigentlich gerade zu Essen gibt. Selbst einfachste Gerichte können bei genauer Betrachtung erheblich bedeutungsschwanger werden. Ein schlichtes Spiegelei mit Brokkoli und Sättigungsbeilage etwa.

Denn wenn der Sohn einmal entdeckt hat, welchen Schatz er da vor sich liegen hat, wird dieser nicht mehr aus den Augen gelassen. Er wird vollkommen in Beschlag genommen. Jedwedes Einmischen anderer Stammesmitglieder wird als vollkommen abwegig abgetan und die neue Beute wird mit dem Auge fixiert, mit der Gabel attackiert und mit einer grazilen Bewegung schnell in Sicherheit gebracht, also aufgegessen. Das Ziel der Begierde ist ganz klar: das Spiegelei. Eier, sagt der Sohn; EIER!, meint er. Und diese Eier stellt er sicher. Bevor jemand anderes auch nur im Entferntesten die Bedeutung dieser Eier für den Sohn und die Nachwelt erahnen kann, isst er sie komplett auf. Erst danach macht er sich an die zweitklassigeren Schätze auf seinem Teller: Kartoffeln und Brokkoli. Er macht es nur zum Schein, versteht sich. Ist dabei nur halb bei der Sache. Stochert immer wieder mit der Gabel im Essen herum, zerlegt sorgfältig das Gemüse in seine Einzelteile, durchtrennt jede Kartoffel mehrfach, alles auf der Suche nach weiteren versteckten Eiern. Findet er neue homöopathische Dosen eben dieser, so werden sie bestaunt und genauestens durchsucht. Test bestanden? EIER! Und weg.

Ein wirklich Suchender beschränkt sich aber nicht nur auf sein Revier. Zumindest ein verstohlener Blick fällt ab und an auf die Gebiete der Nachbarn, hier also die Teller der Eltern. Und wenn diese kurz mit sich selbst beschäftigt sind, greift die Baggerschaufel kurz über den Tisch und der Sohn besorgt sich die begehrten Eier durch Tellerraub. Darüber sollten wir reden, denke ich. Und sage: Nein, mein Sohn, das ist meins.

Er: Meins!
Ich: Nein, meins.
Er: Meins?
Ich: Nein, meins, nicht Deins.
Er: Deins.
Ich: Genau, meins.
Er: Meins!

Letztendlich muss ich ihm eins lassen: Der Sohn hat einen ausgeprägten Sinn für gründliches Suchen, inklusive der Bereitschaft, beharrlich nach dem wirklich Wichtigen zu buddeln und darum zu kämpfen. Er wird wohl mal Archäologe.

Und das mit den Possessivpronomen und der Aufteilung, welches Essen nun zu wem am Tisch gehört, bekommen wir sicher trotzdem noch hin.

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