Applaus

Der Sohn geht aus und mischt sich unter das Volk. Er macht das gern. Insbesondere, wenn es passend organisierte Gelegenheiten dazu gibt, zu denen sich das Volk extra an einem gemeinsamen Ort versammelt. Dann braucht der Sohn nicht bei jedem Volksteilnehmer persönlich zu Hause klingeln.

Gerade jetzt am Wochenende gab’s in Karlsruhe wieder das Fescht. Das ist eine solche Gelegenheit. Kenner der Szene sagen, dass es sich hierbei lediglich um eine Huldigungszeremonie für gelbe Quietscheenten handelt. Das stimmt natürlich überhaupt nicht. Schließlich gibt es auch ein Treffen zum Brunch. Ganz ohne Enten. Dafür mit klassischer Musik, persönlich vorgetragen von einer Karlsruher Orchestercombo.

Als wir dem Sohn die Sache mit dem Brunch erklärt haben, wollte er dort hin. Essen geht immer. Gern auch in Gesellschaft. Wovon wirklich reichlich dort war. Skurrile noch dazu. Etwas komisch geguckt hat er bereits in der Straßenbahn, Haltestelle Schillerstraße, als ein paar Mädels hinter uns meinten: »Schiller. Auch so ein intensiver Typ. Voll Parties und so. Was sie da alles geraucht haben.« Aber der Weg ist bekanntermaßen nicht immer das Ziel. Und der Sohn hat einfach konzentriert in eine andere Richtung geschaut. Dort saßen ein paar Rentnerinnen. Vollkommen schweigsam.

Auf dem Fest gab es, was es dort immer gibt: Leute. Viele Leute. Auch in diesem Jahr wieder viel mehr Leute als im letzten Jahr. Ich glaube, so voll war es noch nie! Aber wir sind ja im Freien. Da ist Platz. Für die Decke auf der Wiese. Und sei es direkt am Weg, der quer durch die Wiese führt.

Decke ausgebreitet. Essen angerichtet. Das Mahl beginnt. Leute gehen vorbei. Von rechts nach links. Von links nach rechts. Es werden immer mehr. Hin und her. Irgendwann fängt die Musik an zu spielen. Da vorn auf der Bühne. Auf der anderen Seite des Weges. Man sieht es nur manchmal. Meist sieht man Waden (für den Sohn) oder Hintern (für die Eltern). Nicht immer nur die schönsten. Doch der Sohn ist glücklich und klatscht. Wenn er nicht gerade vom Essen abgelenkt ist, spendet er Applaus.

Wenn ich nur wüsste, ob er es tut, weil er keine weiteren Schillerkritiken zu ertragen braucht, ob es den Leuten neben und hinter uns gilt, die so wie er fleißig am Essen sind, ob es der Musik gilt oder vielleicht doch den Waden vor seinen Augen.

Wahrscheinlich ist es von allem etwas. Er ist eben gern in Gesellschaft.

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