Frisch diktiert:
Männlich, ledig, verdammt jung, sucht: Brünette in kurzem Kleid und passender Windel, welche sich heute im Schlosscafé vorgestellt hat als: “Melissa, nettes Mädchen.”
Der Sohn, der heiße Feger. Nordish by Nature, Latino by Heart.
Frisch diktiert:
Männlich, ledig, verdammt jung, sucht: Brünette in kurzem Kleid und passender Windel, welche sich heute im Schlosscafé vorgestellt hat als: “Melissa, nettes Mädchen.”
Der Sohn, der heiße Feger. Nordish by Nature, Latino by Heart.
Die Effizienz des Sohnes bei der Auswahl seines aktiven Wortschatzes kennen wir ja. Aber bei fünf Wörtern kann es nicht bleiben, so sorgfältig sie auch ausgewählt sind. Das sieht sogar der Sohn ein. Und arbeitet sehr umsichtig an seiner weiteren Wortfindung.
Mit Auto und Bagger sieht er sowohl den Fuhrpark als auch seine hauptsächliche Freizeitgestaltung durch satte zwei Worte abgedeckt. Ja und Ba sind kurz und eloquent genug, um schnell an Essen und Trinken zu kommen. Aber Mama als einzige Möglichkeit, die für ihn wichtigen Personen zu benennen ist etwas sehr dürftig. Wenigstens die Hauptdarsteller sollen jeweils einen Namen bekommen, denkt sich der Sohn.
Und prompt gibt es seit heute ein neues Wort: Anna.
Schon klar. Sie ist jung. Sie ist blond. Sie arbeitet in der Kita. Ich versteh’ ihn ja.
Schon in jungen Jahren ist es wichtig, mit den eigenen verfügbaren Ressourcen möglichst sparsam umzugehen. Der natürliche Verschleiß kommt sicher noch früh genug. Da muss man nicht auch noch extra nachhelfen. Das sieht der Sohn ganz genauso. Und beschränkt vorläufig sein aktives Vokabular auf exakt fünf Wörter.
Mama sagt er natürlich. Vor allem zu mir. Gelegentlich auch zur Dame des Hauses; nicht ganz so häufig zu wildfremden Leuten, immerhin meist Frauen. Der Zweck des Rufs nach Mama ist für gewöhnlich der gleiche: Befriedigung der Grundbedürfnisse, also Essen und Trinken. Das vom Boten gebrachte Essen greift er sich einfach. Nach dem Trinken fragt er vornehm mit Wort Nummer zwei: Ba. Das ist kompakt genug, um es auch im Zustand der totalen Trockenheit noch herausbringen zu können. Also mitten in der Nacht. Es ist gleichzeitig ausdrucksstark genug, um durch unterschiedlichste Intonationen das Bedürfnis des Sohnes nach unterschiedlichsten Getränken vermitteln zu können. Milch, Wasser, diverse Teesorten: Dank Ba alles kein Problem. Kommt sofort.
Das klappt leider nicht immer mit Wort Nummer drei: Auto. Dafür gibt’s ein eigenes Wort beim Sohn, um sowohl seinem feinsinnigen Gespür als auch seiner Leidenschaft Ausdruck verleihen zu können. Gespür deswegen, weil er Autos schon dann erahnt, wenn andere noch ihren Schlüssel suchen, bevor sie sich auf den Weg zur Garage machen. Leidenschaft deswegen, weil die Autos vom Sohn nicht nur erahnt, angekündigt und besichtigt werden, sondern weil er sie sich greift, anhält und inspiziert. Ab nach hinten in den Kindersitz? Lächerlich. Auf den Vordersitzen spielt die Musik. Da findet man den Sohn. Von dort steuert er das Warnblinklicht ebenso souverän wie die Soundanlage. Dort sieht man ihn auch die Stirn runzeln wegen seiner Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit von Designern, die Autos entwerfen, bei denen es nicht machbar zu sein scheint, vom Fahrersitz aus gleichzeitig einen Blick nach vorn aus dem Gefährt zu werfen, am Lenkrad zu drehen und die Fußpedale zu bedienen. Ganz klare Fehlkonstruktion. Gut, dass wir die Wagen zu Wort Nummer vier haben: Bagger. Kindersitze auf der Rückbank? Gibt’s gar nicht erst! Sicht nach vorn ist entweder kein Problem oder Dank Größe nicht wichtig. Und gesteuert wird mittels Handbedienungshebeln, die sich dem sicheren Griff des Nachwuchses nicht entziehen können. Eine Schlussfolgerung lieght nahe: Bagger sind einfach die besseren Autos.
Dazu sagt der Sohn nur eins, nämlich Wort Nummer fünf: Ja. Hocheffizient. Und der Sohn ist schon jetzt zu keiner Zeit um eine klar verständliche Antwort verlegen.
Backwaren im Backwarenfachgeschäft zu kaufen ist eine eher alltägliche Beschäftigung, selbst für den modernen Mann von heute. Manchmal ist der Sohn dabei. Sitzt bei diesen Gelegenheiten gern beim Herrn Papa auf dem Arm. Und beobachtet. Meistens die Damen hinter dem Tresen. Aber das ist nicht immer so. Manchmal trainiert er auch die Wirkung seines Augenaufschlags bei jenen, die ihren nachmittäglichen Chillout bei einem Stück Kuchen samt zugehöriger Tasse Kaffee zelebrieren.
Mit Erfolg. Eine dieser Damen hat kürzlich ihre Pause unterbrochen, kam zu uns an den Tresen, lächelte den Sohn schüchtern an und sagte: “Es tut gut, zu sehen, dass ich bei Dir noch viel Zukunft hätte.” Sie greift in ihre Handtasche, zückt eine Tafel feiner Schokolade und drückt sie dem Sohn in die Hände. Er greift zu, hält seine Beute mit beiden Händen gut fest und lächelt zufrieden. Seine neue Verehrerin dreht sich weg und schreitet von dannen. Man sieht, wie schwer es ihr fällt.
Als moderner Mann von heute bin ich mir mit dem Sohn natürlich darin einig, dass Schokolade zwar ein süßes Geschenk fremder Frauen ist, aber doch besser in meinem Mund schmilzt als in seinem. Also habe ich sie am Abend komplett zum Schmelzen gebracht, samt anschließender Bauchschmerzen. Irgendwie bin ich trotzdem froh, dass der Sohn noch nicht kistenweise Bier, Whiskey, Wein oder Eierlikör nach Hause bringt.
Backwaren wären doch mal eine brauchbare Alternative.
Heimweg von Harald Martenstein
Hier haben wir doch wieder einen Roman. Ganz anders als beim Steffen Möller neulich. Noch ist es zwar kein Klassiker, aber dafür ist der Autor durch seine Kolumnen bekannt geworden, immerhin, auf eine Art recht ähnlich zum Herrn Möller.
Worum es geht? Um einen Kriegsheimkehrer. Und seine Frau. Und ihre Verehrer. Und ihre Schwester. Und deren Rotlichtkneipe. Und ihren Mann. Und um viele Gäste. Und um einen Enkel. Um das Wahre und um das nur bedingt Wahre. Und etwas Wahnsinn. Und hier ist ein Auszug:
Sie versuchte, Worte zu finden, die Fritz um den Hals fassten und dann langsam zudrückten, Worte, die ihm Säure in die Augen schütten, Worte, die seine Knochen zerschmettern und ihm lebendig die Haut abziehen. Sie schrie, um ihm die Worte wie mit einem Hammer in sein Gehirn hineinzuschlagen, schrie, damit die Worte ihn wie ein Sturm umwerfen, ihn unter Wasser drücken, ihn mitsamt seinen Wurzeln ausreißen oder ihn in blutige Fetzen zerreißen. Nichts sollte bleiben von ihm, nicht einmal Staub.
Was soll ich noch sagen? Es ist einfach ein wunderbarer Familien-Roman.
Der kleine Mann ist ein Narr. Ein Autonarr. “Auto!” ist das Wort der Wahl, wenn er etwas Bewegtes auf Rädern sieht. “Auto!” – sagt er auch, wenn er etwas brummen hört und recht sicher weiß, dass ich es nicht bin. Auto. Auto. Auto. Sie sind überall. Der Weg zur Kita ist voll davon. Der Weg zum Spielplatz eigentlich nicht. Macht aber nichts. Der Sohn findet trotzdem welche.
Wenn wirklich gar nichts anderes in Sichtweite ist, bleibt sein Blick sogar einmal an einem Fahrrad hängen. “Auto?” – fragt er vorsichtig, guckt dabei aber selbst so überzeugend zweifelnd, dass jedem sofort klar wird: Diese Frage ist rein rhetorischer Natur. Der Blick des Sohnes wandert auch prompt weiter und sucht nach würdigeren Gefährten.
Bei seinem eigenen Kinderwagen sieht die Lage etwas anders aus. Der hat schließlich vier Räder. Und gegenüber den anderen Autos da draußen einen ganz entscheidenden Vorteil: Sitzt man drin, kann man lässig leicht nach rechts gekippt fläzen, wie es die Schirmmütze tragenden Fahrer tiefergelegter Golfs gern tun, dabei den rechten Ellenbogen leicht nach unten gekippt aus dem Wagen hängen lassen, wie es früher, vor langer Zeit, bei Mantafahrern üblich war und den linken Unterarm auf dem Kinderwagenbügelgriff ablegen, wie es sonst nur die gerade erwähnten Golffahrer schaffen. Eine der beiden Hände hebt er gelegentlich. Meist allerdings nur, um beiläufig mir fremden Frauen zuzuwinken, die ihm für gewöhnlich entweder ihr strahlendstes Lächeln oder zumindest das leichte Nicken alter Bekannter retour geben. Keine Ahnung, woher er sie alle kennt.
Ähnlich wenig Ahnung habe ich zugegebenermaßen auch, woher er die fachmännische Selbstverständlichkeit hat, mit der er seinen gerade erprobten Lässigkeitsfahrstil auf die Umgebung im realen und viel größeren Auto anwendet. Rauf auf den Fahrersitz. Haltung leicht schräg nach rechts. Die linke Hand am Lenkrad, der rechte Ellenbogen hängt zwar nicht aus dem Fenster, da dieses zum einen viel zu weit oben anfängt und sich zum anderen auf der falschen Seite befindet; dafür hängt der rechte Ellenbogen auf dem Schalthebel, Stellung nach vorn, ein ungerader Gang. So reichen die Finger zwar nur knapp, aber doch ausreichend, an die Bedienelemente für Radio, Klimaanlage, Navigationsgerät und was auch immer sonst noch an Knöpfen da ist, deren Bedeutung sich mir bisher nicht erschlossen hat, dem Sohn aber intuitiv klar ist. Er wirkt zufrieden.
Der ernsten Mine des sonnenbebrillten Sohnes ist nur noch eine offene Frage anzusehen: “Wie grüße ich all die charmanten jungen Damen da draußen?” Lässig ein paar Finger zu heben, reicht nicht mehr. Es wäre nicht zu sehen. Also nimmt er seine Finger, bewegt sie und drückt zweimal kurz auf den Schalter für das Warnblinklicht. Einmal an. Einmal aus.
Er ist der Fachmann.
Nur das Geheimnis mit der Hupe im Lenkrad, das verrate ich ihm vorerst lieber nicht.
Wir sind unterwegs und wandern.
Auf einmal bleibt der Sohn stehen. Bückt sich. Und hebt einen Stein auf, einen kleinen nur. Er hält ihn in der Hand, dreht ihn, betrachtet ihn, bewundert ihn. Und gibt ihn mir. “Da!” – sagt er und reicht ihn hoch. “Danke!” – sage ich und bewundere seinen erlesenen Fund.
Der Sohn guckt sich um. Und findet einen weiteren Stein. Drehen. Wenden. Ist runder als vorher. Andere Farbe hat er auch. “Da!” – sagt der Sohn und reicht den Stein hoch. “Danke!” – sage ich und betrachte gründlich seinen neu entdeckten Schatz.
Der Sohn guckt noch genauer hin. Und findet tatsächlich einen dritten Stein. “Da!” – “Danke.” Und einen vierten. Und einen fünften. “Da!” und “Da!”
Auf einmal steht er ganz ruhig da. Wirft seinen Blick in die Ferne. Wirft seinen Blick wieder auf den Boden. Hebt eine ganze Hand voll Steine auf, reicht sie mir mit einem kurzen “Da!” und dreht sich desinteressiert um zum Weitergehen. Ich sage noch brav “Danke.” – und lasse die Steine eher respektlos hinter dem Rücken des kleinen Mannes wieder fallen. Er ist schon unterwegs. Sucht neue Steine.
So ein Spaziergang auf einem Schotterweg kann eine aufregende Reise sein.
In der Kita sitzen drei Jungs unaufgeregt im Sand, ein Mädel lehnt betont desinteressiert an einem nahen Pfeiler, eines entspannt auf den Armen des Erziehers. Die dritte Dame der Runde hat gerade auf dem Weg nach draußen die Sonnenbrille von ihrer Mama stibitzt und mit ernster Mine sich selbst aufgesetzt.
Diese Runde störst Du besser nicht. – dachte ich mir und habe mich erst einmal augenscheinlich egalisiert daneben gesetzt. Was ist schon etwas Sand auf der Anzugshose gegen den klaren Ausdrucks des feinsinnigen Verstehens der großen Schauspiele kleiner Leute? Eben.
Der Sohn schien dankbar. Aber wenn er überhaupt eine Regung zeigte, dann war es nur das leichte Zucken einer Augenbraue. Kaum sichtbar. Ein Zeichen nur zwischen Sohn und Papa. Wortlos reichte er mir einen Stoffelefanten. Wortlos gab ich diesen an seinen schweigsamen Spielkameraden weiter. Lässig nahm er ihn entgegen. Wortlos reichte der Sohn mir ein Bilderbuch. Das gleiche Spiel.
Dann nichts.
Auf einmal: »Das Auto ist weg.« Mein Herz bleibt fast stehen. Nach etwa drei Atemzügen fängt es sich aber wieder. Die Worte kamen aus meinem Rücken. Vom dritten der Kleinen, welcher jetzt an der anderen Seite des Pfahls mit dem Mädchen daran lehnte. »Das Auto ist weg!«
Ich steige aus und stehe auf. Schnappe mir den Sohn. Wanke nach draußen. Er sagt noch immer kein Wort. Sitzt aber fest auf meinem Arm, schnappt sich mit sicherem Griff die Sonnenbrille von meinem Kopf und setzt sie sich selbst auf.
Wir gehen ab.
Resümee: Anzug dreckig. Sonnenbrille weg. Sohn offensichtlich mental entrückt. Verstanden habe ich gar nichts. Aber morgen fahre ich direkt mit dem Auto beim Sandkasten vor. Das hilft bestimmt.
Viva Polonia von Steffen Möller
Teil zwei unserer kleinen Serie über Bücher, die der Sohn zwar zum Lesen aus dem Regal holt, die er eigentlich aber gar nicht anfassen soll, ist gar kein Buch aus toten Bäumen, sondern eins aus kleinen elektronischen Dingen, die klingen. Ein Hörbuch also. Was für ein fulminanter Start. Aber immerhin gibt’s das Werk auch gedruckt.
Das Buch besteht nicht nur aus einer einzigen sondern aus ganz vielen Geschichten. Und diese passen auf ihre Art hervorragend zum kleinen Mann. Nicht, weil er bereits ein Polenkenner ist. Ist er nämlich nicht. War noch nie dort. Sondern weil die Geschichten ebenfalls klein sind. Und so Schritt für Schritt aus kleinen Männern kleine Polenkenner machen.
Wenn man dem Herrn Steffen zuhört, scheint das auch eine richtig feine Sache zu sein, das mit dem Polen und dem Kennenlernen. So sieht Begeisterung aus. Begeisterung für Herzlichkeit, Überlandbusfahrten, Weichselaphroditen und das Reparieren quietschender Türen mit Butter. Alles drin. Alles dran. Alles polnisch. Alles kolumnig gut erzählt.
Trotzdem, oder sogar genau deswegen, hat mich das Buch in dem Gefühl bestärkt, dass ein beachtlicher Teil der lebenden deutschsprachigen Literaturwelt sich im Metier der kurzen Texte wohl zu fühlen scheint. Es muss zwar nicht immer gleich Twitter-Lyrik sein, aber der klassische Roman wird vielleicht langsam genau das: ein Klassiker.